Heute ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, dessen Vollkommenheit mich derzeit zutiefst berührt und mir eine Gänsehaut beschert:
Alles ist Eins
Einmal, am Rande des Hains,
stehn wir beisammen
und sind festlich wie Flammen,
fühlen: alles ist Eins
Halten uns fest umfasst,
werden im lauschenden Lande
durch die weichen Gewande
wachsen, wie Ast an Ast
Wiegt ein erwachender Hauch
die Dolden des Oleanders -
sieh, wie sind nicht mehr anders
und wir wiegen uns auch.
Meine Seele spürt,
dass wir am Tore tasten
und sie fragt dich im Rasten:
hast du mich hergeführt?
Und du lächelst darauf,
so herrlich und heiter
und, bald wandern wir weiter
Tore gehn auf.
Und wir sind nicht mehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein,
aus dem vergangenen Tag.
Alles ist Eins.
Alles ist Eins.

zum ushu Shop
RSS Feed zum Artikel
TrackBack-URL
Ja, ziemlich genial, nicht? Und dann erst gelesen, nein gesungen von Iris Berben(!) Danke für den Text, heißt es nicht Weh, Allee und Oleander?
Hallo Oliver,
danke für deinen Kommentar. Natürlich heißt es: Weh, Allee und Oleander.
Und Iris Berben, schön sagt und singt sie es, das finde ich auch.
Mein Sohn aber, der sich in der Schule ganz grundsätzlich mit dem Aufbau von Gedichten befasst, meint: Gedichte “hören” wäre nicht echt und würde einen anderen Eindruck, nämlich einen vorgefertigten, weniger freien vermiteln als wenn man sie selbst und völlig unvoreingenommen liest. Hat er wohl recht. Ich darf es aber trotzdem schön finden, sagt er, nur soll ich mir dessen eben bewußt sein - o.k. ich bin’s.
free myspace christian music video codes…
free myspace christian music video codes…
Scheinbar funktioniert der Link nicht…?
Hallo,
ich habe da Thema Gedichte analysieren in dem Fach Deutsch. Und ich habe die aufgabe dieses Gedicht zu interpretieren. Nun finde ich dieses Gedicht sehr schwer zu verstehen.Könnte mir vielleicht jemand helfen zu erklären, um was es bei diesem Gedicht geht?
Vielen Dank
Lieber Peter,
da hast Du ja wirklich eine “besondere” Aufgabe…
Rainer Maria Rilke bemueht sich hier, und er schafft es auch, das unsagbare in Worte zu fassen - das was nicht mit dem Geist, also dem Intellekt, greifbar ist, macht er doch mit Worten sichtbar - und jetzt will es diese Lehrerschaft immer und immer wieder interpretiert haben… Es ist echt zum (…) aber so ist unser westliches System nun eben mal aufgebaut und so fuettern wir sie halt mit dem was sie meinen zu brauchen um zu wissen. Dass sie verhaeltnismaessig eh NICHTS wissen wuerden sie sowiso nie zugeben und das das was sie wissen ihrer Erfahrung nichts nuetzt, auch nicht.
Wer je einmal festlich in Flammen stand und dabei, in sich und ueberall aussen auch, das Ganze im Vielen erkannt hat, der sucht in dem Moment nicht nach Interpretationen. Diese naemlich hindern ihn daran das Tor zu durchschreiten und zu erkennen:
Wir sind nicht mehr zag,
und unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein,
aus dem vergangenen Tag.
Die Tiefe die in diesem Gedicht steckt ist nur in der Stille erfahrbar.
Ich waere sehr gespannt auf die Interpretation Deines Lehrers auf das hier geschriebene und auch auf seine eigene Interpretation des Gedichts.
Liebe, tiefe und ernst gemeinte Gruesse an Deinen Lehrer.
Uli